Rensinghoff, C. (2006). Die da Wasser predigen, saufen selbst den kostbaren Wein: Über die normalisierte verhinderte Teilhabe behinderungserfahrener Menschen. Berlin: Lit.

 

Rensinghoff stellt in diesem Band eigene kritische Essays mit Bezugnahme auf die Behindertenhilfe zusammen, deren Veröffentlichung u.a. in einschlägigen Fachzeitschriften abgelehnt wurde und schlägt dabei deutliche Töne an (so behandelt ein Essay beispielsweise "Die sozialen Euthanasiemethoden an behinderungserfahrenen Professorenanwärtern in der Sozialen Behindertenhilfearbeit"). Selber von Behinderung betroffen, führt er dabei den Begriff der Behinderungserfahrung ein, um neben der zugrundeliegenden Behinderung die nicht hintergehbare Verschränkung mit den Interaktionen der Umwelt zu betonen. Aus seiner Perspektive zeichnet er ein kritisches Bild der Landschaft der Behindertenhilfe mit den ihr innewohnenden institutionellen Strukturen und Verteilungskämpfen (z.B. um Definitionsmacht im Hochschulwesen). Einen Impuls zur Weiterentwicklung setzt Rensinghoff in der Vertretung eines kompromisslosen Peer-support. Durch die (fast) radikalen Darstellungen seiner Sichtweisen regt Rensinghoff zu kritischen Gedanken und zur Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen am sog. professionellen System der Behindertenhilfe an.

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Selbstbestimmung und heimliches Betreuungskonzept

"Dies hängt mit einem Phänomen zusammen, das wir "heimliches Betreuungskonzept" (Linge/Theunissen 1993, 94) genannt haben. Es bezeichnet alle Prozesse und Regelungen, die nebenbei, unbeabsichtigt und unbewußt ablaufen, die enorm wirksam sind und eine "heimliche" Fremdsteuerung, eine gedankenlose Rundumversorgung und Überbehütung sowie eine subtile Überwachung bedeuten. Auch wenn viel Selbstbestimmung proklamiert wird, erhalten trotzdem viele geistig behinderte Menschen keinen eigenen Schrank- oder Zimmerschlüssel; das Personal ist es, das bestimmt, wann und wie lange der Einzelne morgens baden, ob er duschen oder baden darf, welches Shampoo und welche Seife er verwenden, welches Handtuch zum Abtrocknen er nehmen, welche Unterhose und Strümpfe er anziehen soll, wann gefrühstückt wird, wieviel und was er essen oder trinken darf... Damit lernen die Behinderten ganz "heimlich" und im Verborgenen, daß sie nicht über ihre eigenen Lebensumstände verfügen und daß sie ihre Gefühle, Interessen und Bedürfnisse zu unterdrücken haben." (S. 59)

Theunissen, G. &Plaute, W. (1995). Empowerment und Heilpädagogik. Freiburg im Breisgau: Lambertus.