Krähnke, U. (2007). Selbstbestimmung. Zur gesellschaftlichen Konstruktion einer normativen Leitidee. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

In seiner Dissertation bestimmt Krähnke den populären Begriff Selbstbestimmung als semantische Leerformel, in deren inhaltlicher Beliebigkeit (und damit zugleich Unverbindlichkeit trotz normativer Aufladung des Begriffs) ein Grund für die wachsende Popularität zu suchen ist. Krähnke zeigt, dass es auf eine konkrete inhaltliche Konturierung und im jeweiligen Kontext Spezifizierung des Begriffs ankommt, wenn er handlungspraktisch verwertet werden soll/verwertbar sein soll. Für die Praxis interessant, da in den Blick gerät, wie wenig geklärt die genauen Inhalte von Selbstbestimmung sind, sobald tautologische Definitionsversuche aufgegeben werden. Hierin liegt die Chance, den Begriff der Selbstbestimmung für die Sozialpädagogisch Behindertenhilfe inhaltlich zu schärfen und ihm ein spezifisches Profil zu geben, dass die Umsetzung aktueller politischer Entwicklungen berücksichtigen kann.

Krähnke führt in drei Abschnitten Gedanken zur Selbstbestimmung aus und konkretisiert in einem vierten Abschnitt beispielhaft den Einfluss der Selbstbestimmungsrethorik auf den Abtreibungsdiskurs darin angewandte Machtpraktiken: Die suggerierte Selbstbestimmung. Ein ideengeschichtlicher Abriss; Die leerformelhafte Selbstbestimmung. Eine sprachanalytische Zwischenbetrachtung; Die umkämpfte Selbstbestimmung. Ein mediensoziologischer Erklärungsansatz; Selbstbestimmung im Abtreibungsdiskurs. Eine empirische Fallstudie.

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Selbstbestimmung und heimliches Betreuungskonzept

"Dies hängt mit einem Phänomen zusammen, das wir "heimliches Betreuungskonzept" (Linge/Theunissen 1993, 94) genannt haben. Es bezeichnet alle Prozesse und Regelungen, die nebenbei, unbeabsichtigt und unbewußt ablaufen, die enorm wirksam sind und eine "heimliche" Fremdsteuerung, eine gedankenlose Rundumversorgung und Überbehütung sowie eine subtile Überwachung bedeuten. Auch wenn viel Selbstbestimmung proklamiert wird, erhalten trotzdem viele geistig behinderte Menschen keinen eigenen Schrank- oder Zimmerschlüssel; das Personal ist es, das bestimmt, wann und wie lange der Einzelne morgens baden, ob er duschen oder baden darf, welches Shampoo und welche Seife er verwenden, welches Handtuch zum Abtrocknen er nehmen, welche Unterhose und Strümpfe er anziehen soll, wann gefrühstückt wird, wieviel und was er essen oder trinken darf... Damit lernen die Behinderten ganz "heimlich" und im Verborgenen, daß sie nicht über ihre eigenen Lebensumstände verfügen und daß sie ihre Gefühle, Interessen und Bedürfnisse zu unterdrücken haben." (S. 59)

Theunissen, G. &Plaute, W. (1995). Empowerment und Heilpädagogik. Freiburg im Breisgau: Lambertus.